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Literatur, Kulturwissenschaft, deutsch-französische Beziehungen
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Mitmachseiten. Eine kritische Bewertung.
Etienne Candel hat kürzlich sein Studum
an der
Ecole
des hautes études en sciences de l'information et de la communication
(Celsa) - ein Institut der Universität Paris IV - Sorbonne mit
einer Doktorarbeit zu dem Thema, "Autoriser une pratique, légitimer
une écriture, composer une culture : les conditions de possibilité
d'une critique littéraire participative sur Internet. Etude éditoriale
de six sites amateurs." abgeschlossen.
Seine Arbeit paßt zu den Debatten um das neue Internet, das man auch
das Mitmachnetz nennt. Die Doktorarbeit von Candel hat einen doppelten Vorteil,
weil sie einerseits die Beiträge der Besucher analysiert und sich folglich
beinahe ausschließlich auf die Inhalte und auf die Bewertung der Beiträge
für die Seiten konzentriert, die eine Beteiligung der Besucher erhoffen.
Das Ziel der Arbeit Candels erfordert keineswegs einen vollständigen
Korpus für die Untersuchung. Es ist wahr, das Mitmachhetz, das man
auch Web 2.0 nennt, hat in wenigen Monaten Hunderte von Seiten hervorgebracht,
die eine Beteiligung ihrer Besucher in Form von Fotos, Videosequenzen oder
Texten erwarten. Oft schlagen diese Seiten ihren Besuchern eine Bewertung
ihrer oder der Inhalte der Besucher vor. Das ist ein sehr wirksames Mittel
für die Werbung der Seite, das zum Beispiel die Online-Buchhandlung
Amazon schon lange einsetzt. Kaum etwas als anderes als das authentische
Zeugnis eines Kunden ist besser geeignet, um es den Kunden, die ein Buch
kaufen möchten, vorzustellen.
Die Liste der Seiten, Etienne Candel ausgewählt hat:
La liste des sites choisis par Etienne Candel :
www.ratsdebiblio.net
www.zazieweb.fr
www.citiques de livres.com
www.critic-instinct.com
www.lisons.info
www.guidelecture.com
Tatsächlich legt seine Arbeit viel mehr als eine einfache Analyse dieser
Internet-Seiten vor. Candel hat eine interessante Arbeit geschrieben, die
es erlaubt, die Konzepte der Mitmach-Angebote in einem viel größeren
Rahmen zu verstehen, als es diese Auswahl erwarten läßt. Das
Verfahren, das er vorschlägt, läßt sich leicht auf die Analyse
andere Seiten übertragen. Ich denke gleich an Wikipedia, dessen Schwächen
und Vorteile auch sehr gut mit einer solchen Untersuchung evaluiert werden
könnten.
Candel beginnt zuerst mit den Texten der Amateure, beschreibt sie und bewertet,
wie die Kritik verfaßt wird, dann versucht er den Aufbau dieser Kritiken
zu analysieren, danach zeigt er, wie und auf welche Weise man auf diese
die Kritik aufmerksam wird. - Das dritte Kapitel des ersten Teils dreht
sich um das Phänomen Buch. Hier geht es um ganz sachgerechte Überlegungen,
die viele Befürworter des Web 2.0 vernachlässigen, wenn es darum
geht, erst einmal zu erörtern, um welche Art von Inhalten es überhaupt
geht, wenn der Sinn der Beiträge der Kunden erfaßt werden soll.
Es geht zunächst um die "Lektüre als Aneignungen" (S.
112 ff.), die versucht herauszufinden, welche Art der Lektüre zu den
vorliegenden Rezensionen geführt hat. Dieses Kapitel ist ein schönes
Beispiel, wie die Literaturkritik einen wichtigen Platz in einer Studie
zum Web 2.0 einnehmen kann. - Der zweite Teil untersucht sozialpolitische
Aspekte der Texte und versucht herauszufinden, wie die Internet-Seiten mit
unterschiedlichen Konzepten de Abfassung von Rezensionen zu steuern versuchen.
Dazu legt Candel eine Reihe von Beobachtungen vor, wie die Betreiber der
Websites ihren Besuchern mehr oder weniger genaue Ratschläge geben
oder Vorschriften machen. Die Grafik der Websites und die Werbebanner weisen
auf das Lesevergnügen hin und werden manchmal durch präzise Hinweise
auf den Aufbau der Rezensionen ergänzt. - Der dritte Teil will die
Beziehungen zwischen dem Medium und den Vermittlungen aufdecken. Candel
beschreibt hier eine Art Phänomenologie des Internets, das eine Beziehung
zwischen "Aussage des Herausgebers und der Aussage der Teilnehmer"
(p. 240) herstellt, womit er die Rolle des Internets "im Rahmen der
kulturellen Vermittlungen aufdeckt." (S. 281). Die Verlage werden sich
sicher für die Resultate seiner Arbeit interessieren. Wie kann man
die Besucher einer Seite dazu motivieren, bei ihr mitzumachen und ihr eigene
Texte mit der Bewertung von Büchern anzuvertrauen? Die präzise
Beschreibung der Beziehungen der Besucher zu den Mitmachseite, die Beschreibung
der Prozesse, wie die Aufmerksamkeit der Kunden angezogen werden soll, und
schließlich wo und welchen Bedingungen ihre Beiträge veröffentlicht
werden, sind weitere Erläuterungen, mit denen das Phänomen Mitmachnetz
erklärt werden kann.
Am Ende seiner Arbeit bestätigt Candel "daß der Amateurkritiker zum einen kritische Beiträge verfaßt, daß es sich um einen Bruch in der bisherigen Medienlandschaft handelt, weiterhin geht es um eine Vermittlung, die sich sogar auf eine wissenschaftliche Grundlage berufen könnte, die aber auch Teil einer besonderen Art des Schreibprozesses sein könnte, in dem sie in bekannten Gefilden eine Art Wildern beginnt." Diese Erkenntnis gibt das Ergebnis seiner Arbeit gut wieder. Tatsächlich hängt es sehr vom Konzept der Internet-Seite ab, ob der Amateur eine kritische, man könnte hinzufügen eine seriöse, Arbeit abliefert oder ob sein Beitrag sich eher oberflächlich entwickelt.
Ohne den vollständigen Umfang der Arbeit hier im Detail vorgestellt
zu haben, möchte ich darauf hinweisen, daß das Verfahren Candels
mit der Methode, die er hier erarbeitet auf eine sehr interessante Weise
zeigt, wie er seine Studien zur Semiotik mit denen der Kommunikationswissenschaften
verbunden hat.
Heiner Wittmann
Rezensionen
Hier erscheinen
Rezensionen
zu Neuerscheinungen aus dem Bereich der Romanistik und den deutsch-französischen
Beziehungen.
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