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Wird E-Learning das Lernen verändern?

Nicolas Apostolopoulos, Harriet Hoffmann, Veronika Mansmann, Andreas Schwill
(Hrsg.),
E-Learning 2009. Lernen im digitalen Zeitalter
Waxmann, Münster
2009.
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ISBN 9783830921998 (ISBN: 3-8309-2199-3)
432 Seiten, Paperback, 2009.
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Noch immer gibt es viele unterschiedliche Meinungen, ob das Lernen mit
elektronischer Unterstützung effektiver ist und zu besseren Lernergebnissen
führen kann. Ist der PC ein Lehrerersatz? Kann ein PC die Motivation
eines Lernenden unter bestimm-ten Umständen günstig beeinflussen?
Hilft er beim dezentralisierten Lernen? Welche Rolle spielt das Internet
bei neuen Lernformen? Können bestimmte fachgebundene Verfahren oder
Methoden mit Hilfe der Computertechnik neu gefaßt oder mit ihrer Hilfe
weiterentwickelt werden? Lohnt sich der immense technische Aufwand hinsicht-lich
der zu erwartenden Lernergebnisse? Können Computerprogramme Lernergebnisse
in irgendeiner Form bewerten und für die Lerner individuelle Förderungen
bereitstellen? Das immer noch neue Stichwort Web 2.0, das als Schlagwort
das Mitmach-Internet umschreibt, scheint dem Internet mit soziale Medien
ganz neue Perspektiven zu eröffnen, deren Auswertung in vielen Bereichen
des Lernens noch gar nicht realisiert, geschweige denn wirklich untersucht
worden sind.
Stellt man sich diese und ähnliche Fragen, kommt der Band E-Learning
2009. Lernen im digitalen Zeitalter gerade im richtigen Moment und pünktlich,
druckfrisch kurz dem Ende der Tagung und verspricht Forschungsergebnisse
auf aktuellem Stand. Rund 100 Autoren, die zusammen 37 Beiträge verfasst
haben, bieten in diesem Band einen aktuellen Überblick über alle
Themenbereiche des "Lernens im digitalen Zeitalter". Der Band
ist das Ergebnis der Tagung mit dem gleichnamigen Titel
E-Learning
2009. Lernen im digitalen Zeitalter, die als 14. Jahrestagung von der
Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) ausgerichtet wurde
und an der FU in Berlin vom 14. - 17. September 2009 stattgefunden hat.
Die Versuchung ist groß, den Inhalt jeden Beitrags hier zu referieren,
da jeder von ihnen interessante Teilaspekte vorstellt, die sich wie Mosaikbausteine
zu einem Gesamtüberblick vereinen lassen und den Veranstaltern der
Tagung tatsächlich einen Erfolg bescheinigen. Ihnen ist es gelungen,
die vielen Autoren dieser Beiträge zu einem konzentrierten Überblick
über dieses Thema zu vereinen, die zunächst eine unglaubliche
Vielfalt wiedergeben, aber dennoch zielgerichtet einige Hauptthesen vorstellen
und ihre Bewertungen diskutieren.
Die Aufsätze sind in drei Kapitel gegliedert: Neue Lernkulturen
- Nachhaltige Veränderungen durch E-Learning, Neue Entwicklungen
im E-Learning und Institutionalisierung von E-Learning.
Die Mehrzahl der Beiträge in diesem Band beschäftigt sich mit
theoretischen Grundlagen des E-Learning, mit den notwendigen wissenschaftlichen
Definitionen und mit Evaluierung von Perspektiven. Es fällt auf, dass
Inhalte der Lehre und einzelne Fächer kaum oder höchsten nur am
Rand (Wirtschaftsinformatik, S. 19) genannt werden. Ohne Zweifel gibt es
Fächer und Themen, wie auch viele Methoden des Spracherwerbs, für
die Formen des E-Learning sehr viel besser geeignet sind, als zum Beispiel
für phi-lologische Fächer, bei denen oft das Lesen im Vordergrund
steht.
Gudrun Bachmann, Antonia Bertschinger, und Jan Miluka sprechen sich
in ihren Beitrag E-Learning ade - tut Scheiden weh? dafür aus,
den Begriff des E-Learning zu vergessen, ihn nicht mehr zu verwenden, sondern
künftig nur noch von "Neuen Medien in der Lehre" zu sprechen.
Recht haben sie! Das Lernen mit der Unterstützung durch einen Computer
mit einem Lernprogramm hat immer noch mehr mit dem Intellekt des Schülers
oder des Studenten als mit der Elektronik zu tun. Vielleicht war es Anfang
dieses Jahrtausend die Faszination, die das elektronisch gestützte
Lernen auf Didaktiker ausübte, die zu dem Begriff E-Learning
geführt hat und die das bloße Mittel gleich zur Bezeichnung der
Lernmethode erhob und den Blick auf die vielen Möglichkeiten ganz unterschiedlicher
Ansätze computergestützen Lernens verstellte. Be-gnügt man
sich auf die Nennung der Neuen Medien, wird das Kreativitätspotenzial
erkennbar, das mit ihnen verbunden ist.
Die Beiträge im ersten Teil des Bandes Neue Lernkulturen - Nachhaltige
Veränderungen durch E-Learning, stellen Lernverfahren vor, die
mit Hilfe der Computertechnik im Verbund mit dem Internet entwickelt wurden.
Aber gerade hier fehlen oft praktische Bezügen zu den Inhalten, wodurch
der Eindruck entsteht, die technischen Voraussetzungen liegen vor, jetzt
werden Anwendungsgebiete gesucht. Der Einsatz von "Lerntagebüchern
/ Blog" hieß zu Zeiten vom Lernen 1.0 ganz einfach Mitschrift,
die man auch schon mal einem Kommilitonen überließ. Elektronisch
gestütztes Lernen ist eine willkommene Hilfe für standortunabhängige
Lernszenarien. Einige der vorliegen-den Beiträge liefern dazu nützliche
Beurteilungskriterien und zeigen mögliche künftige Entwicklungslinien
auf.
Elektronisches Lernen kämpft oft mit notwendigen und technisch bedingten
Einschränkungen. Computerprogramme können Antworten der Lernenden
nur dann eva-luieren, wenn ihnen die Antworten in irgendeiner Form vertraut
sind, oder ihnen die Analyse und die Beurteilung in einem komplizierten
Prozeß, der kaum realisierbar ist, beigebracht worden ist. Folglich
müssen sich die Autoren von Lernprogrammen oder Lernumgebungen - mit
diesem Begriff geht man vielen Schwierigkeiten aus dem Weg - zunächst
auf die Definition von didaktischen Konzepten und Einschränkungen konzentrieren,
mit denen der Einsatz elektronischer Unterstützungen erst möglich
wird. "Entwurfsmuster", so wie Christian Kohls sie vorstellt,
gehören in diesen Bereich, wenn es darum geht "Komplexität
zu reduzieren", also Lernthemen den Neuen Medien anzupassen. Die "Patternbeschreibung"
bei
www.e-teaching.org
dient solchen Zielen. Die wissenschaftliche Begleitung dieser Lernformen
ist sinnvoll und führt zu überzeugenden Ergebnissen, solange man
die Vermittlung der Inhalte aus der Perspek-tive der Neuen Medien betrachtet.
Ob allerdings spezifische Inhalte, die über die Vermittlung von Informationen
hinausgehen, auf die elektronische Weise wirkungsvoller vermittelt werden,
würde nur durch die Konkretisierung von Anwendungsszenarien einsichtig
werden. Der Einsatz von Neuen Medien kann auch ganz einfach zu einer Reizüberflutung
führen, die den Studenten die Fähigkeit entzieht, eine Vorlesung
zu verfolgen und eine nützliche Mitschrift anzufertigen, die ihnen
die Fähigkeit vermittelt, nach der Vorlesung die Kernaussagen der wiederzugeben
und zu behalten.
Die Beurteilung von Lehre und Unterricht wird durch den Einsatz elektronischer
Mittel gefördert, man könnte auch noch sagen auf die Spitze getrieben.
Melanie Paschke, Matthias Rohs und Mandy Schiefner haben in ihrem Beitrag
Vom Wissen zum Wandel beispielhaft an einem Blended-Learning-Kurs
gezeigt, wie die Evaluation durch die Teilnehmer dazu beitragen kann, das
"didaktische Design" = Lehrmethode einer Veranstaltung günstig
zu beeinflussen. Auch in diesem Beitrag fehlt jeder thematische Bezug, dadurch
entsteht der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit der didaktischen Überlegungen,
die sich trotz des guten Willens der Autoren von den Inhalten des Stu-diums
entfernen. Auch hier gilt, dass das Lenen mit Hilfe der Neuen Medien in
be-stimmten Fächern mehr Erfolg haben kann als in andern Fächern.
Die Art und Weise, wie die Autoren dieses Beitrags, Studenten nach der Evaluation
von Lehr- und Lern-strategien befragen (S. 78 f), lassen eine merkwürdige
Distanz zu den Inhalten erkennen. Ob sich dahinter die Vorlesung eines Historikers
oder eines Juristen verbirgt? Aber das ist vielleicht eine grundsätzliche
Frage von Evaluationen im Hochschulbereich, die über die Fragestellungen
von Bewertungen im Bereich des E-Learning weit hinausgeht.
Jutta Pauschenwein, Maria Jandl und Anastasia Sfiri haben in ihrer Untersuchung
zur Lernkultur in Online-Kursen verschiedene Formen von E-Tivities
mit Hilfe der Aussagen der Studenten evaluiert. Den Autoren gelingt es,
interessante Ansätze vorzustellen. Ihre Konzentration auf die Lernenden
der beobachteten Kurse übergeht aber an manchen Stellen die didaktischen
Vorstellungen derjenigen, die die Kurse geleitet haben. Eine solche Konzentration
auf Lernergebnisse aus Lernersicht ist wiederum eine Folge einer Intensivierung
von Evaluationsformen, die der Hochschullehre nicht immer förderlich
ist. Ein solche Eindruck entsteht, wenn das Feedback sich zunehmend auf
di-daktische Fragen oder gar nur auf Fragen der Lernorganisation beschränkt
und die inhaltliche Diskussion immer mehr zurückdrängt.
Rolf Schulmeister trägt mit einem Beitrag Studierende, Internet, E-Learning
und Web 2.0 zu einer Ernüchterung und einer Ausgewogenheit dieses Bandes
bei. Seine Skepis gegenüber dem tatsächlichen Gebrauch und Einsatz
von Web.2.0 ist nur zu sehr be-rechtigt. Betrachtet man die Ergebnisse der
mg-studie, die er zitiert (S. 131) kann man den Eindruck gewinnen, dass
außer dem Kommunikationsangebot des Internets bei Schülern und
Studenten und vielleicht noch das Nachschlagen in einer Online-Enzyklopädie
kaum etwas anderes hängenbleibt. Schulmeiser dreht die enttäuschenden
Ergebnisse seines Beitrags in Positive und erklärt, dass Studenten
"eine sehr pragmati-sche und rationale Einstellung zum Gebrauch der
Neuen Medien einnehmen" (S. 140), wobei aber nicht vergessen werden
darf, daß nur 1,7 Prozent seiner befragten Studenten an das Veröffentlichen
eigener Texte im Internet denkt. Ach. hätte ich doch im Studium dach
auch schon meine Internet-Seite mit den Rezensionen gehabt.
Auch Birgit Gaiser und Anne Thillosen widmen ihren Beitrag dem Web 2.0:
Hochschulehre 2.0 zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Mit ihren Überlegungen
zur "Um-strukturierung der klassischen universitären Vorlesung"
(S. 191) bin ich allerdings gar nicht einverstanden. Die einmalige Vorlesung,
die den Studenten Konzentration und den Aufbau von Sachkenntnis abverlangt
ist nicht durch die überall wieder abspielbare Podcastkino zu ersetzen,
sie ist so allenfalls im Sinne einer Dokumentation also einer späteren
Veröffentlichung zu ergänzen. Die Überlegungen, die die Autorinnen
hier vortragen, entstehen nur durch die technischen Möglichkeiten,
sie sind nicht aufgrund inhaltlicher Bedürfnisse gerechtfertigt. Wikis
und die "Praxis kollektiven Schreibens" sind ebenfalls technikgetrieben,
so wie Beiträge in Wikipedia sich zu einem Spiel wie die stille Post
entwickeln, wenn anonyme Autoren Einträge mit dem Antrieb sie in ein
bessere Format zu bringen, inhaltlich deformieren ohne bereit zu sein, ihre
eigene Identität aufzudecken. Und so kommen wir wieder zu der Frage,
ob neudeutsch kollaboratives Lernen unbedingt nur eine Folge von E-Learning
sein muß. Die Autorinnen sprechen von "hypertextueller Struktur"
und meinen damit die Verweise in alle Rich-tungen. Wikipedia-Artikel haben
oft solche Verweise, die ihren Autoren nützlich er-scheinen, die oft
nur wegen ihrer vordergründigen Nützlichkeit gesetzt werden, aber
keine inhaltliche Relevanz haben. In den Geisteswissenschaften haben Indizes
einen ganz praktischen Sinn, aber die Verweise innerhalb von Texten sind
nur selten geeignet, Einsichten und Wissen zu vermitteln. Die Beschreibung
von Wikis und Podcasts in der Hochschullehre reicht nicht aus (S. 192),
um daraus "bereits eine Veränderung der akademischen Lernstruktur"
abzuleiten. Gabi Reinmann fragt iTunes oder Hörsaal? Ihre Zusammenfassung
S. 265 f.) zeigt, dass sie sich des Problems, das schon durch den Titel
ihres Beitrags aufgeworfen wird, bewußt ist. Es geht um die "bloße
Rezeption von Inhalten", die sie "interaktive[n] und soziale[n]
Prozesse des Lernens gegenüberstellt". Anstatt zu einer Verhärtung
beizutragen, will sie moderne Technologien, nutzen, um "eine neue Kultur
der mündlichen Weitergabe wissenschaftlichen Wissens zu entwickeln."
(S. 266)
Brigitte Grote und Stefan Cordes konzentrieren sich in ihrem Beitrag Web
2.0 als Inhalt und Methode in Fortbildungsangeboten zur E-Kompetenzentwicklung
ebenfall auf die technischen Möglichkeiten und akzentuieren in dem
Titel ihres Beitrags das E. Man kann den Beitrag der beiden Autoren auch
als eine soziologische Fragestellung verstehen. Ihr Erstaunen, dass vernetztes
Lernen für viele Teilnehmer der von ihnen beobachteten Kurse ungewohnt
ist, hängt mit der Erwartungshaltung der Autoren zusammen. Vernetztes
Lernen im Web 2.0 ist in sich nichts Neues. Web 2.0 und Social media stellen
hier nur Plattformen oder Websites zur Verfügung, mit der real vorhandene
Prozesse abgebildet oder unterstützt werden können. Wenn aber
ein Wiki oder ein Blog oder eine Website mit Rezensionen den Austausch von
Informationen unter den Studenten oder gar nicht den Kontakt zu ihren Hochschullehrern
verbessert, dann ist viel gewonnen. Und dafür sind die E-Medien ein
Hilfsmittel, sie sind überhaupt nicht geeignet, diese Netzwerkbildung
zu ersetzen.
Im dritten Teil Institutionalisierung von E-Learning wird eine beeindruckende
Zahl von Lehrformen, die an verschiedenen Hochschulen durch die Neue Medien
unterstützt werden, vorgeführt. Einerseits wird die Kreativität
der an diesen Projekten Beteiligten ("Brückenkurse zur Senkung
der Studenabbrecherquoten" S. 208) deutlich, andererseits kann auch
der Eindruck entstehen, dass die Neuen Medien über die Bereitstellung
von Informations-Angeboten noch nicht hinausgekommen sind. Vernetzungen
in alle Richtungen reicht nicht aus, um den sachgemäßen Vorteil
für ein Fach unter Beweis zu stellen.
Statt einer Besprechung auf nur einer knappen Seite zeigen nun vier Seiten,
wie anregend der vorliegende Band ist.
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Heiner Wittmann