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Camus und die Künstler
Eine
Rekonstruktion der Denkwege Wittgensteins
Fabian
Goppelsröder, Zwischen Sagen und Zeigen. Wittgensteins Weg von der
literarischen zur dichtenden Philosophie, Bielefeld 2007.
168 S., kart., 18,80 € ISBN: 978-3-89942-764-6
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Verlag, Bielefeld
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Rezension
Dieser
Band legt eine knappe und einleuchtende Einführung in die Philosophie
Ludwig Wittgensteins (1889-1951) vor. Es geht um seine philosophischen Grundsätze
und um ihre Form, deren werkimmanente Bedeutung über seine rein philosophischen
Argumente hinausragt. Auf diese Weise wird ein literarisch-poetischer Ansatz
seines Werkes erkennbar, der sein eigentliches Werk eigentlich erst jenseits
des Gesagten entfaltet. Verfolgt man die Entwicklung dieser Ankündigung
in dem vorliegenden Buch, verspricht der Autor eine Einsicht in die "philosophische
(Überzeugungs-) Kraft Wittgensteins, die nicht allein in seinen Argumenten
zu suchen ist. Trotz den zwei deutlich voneinander getrennte Werkphasen
will der Autor in seinem Buch das Vermögen, Kunstwerke angemessen wahrzunehmen,
die Aisthesis nutzen, um den philosophischen Denkweg Wittgenstein darzustellen.
Es gibt im Werk Wittgensteins kein "abstrakt reduzierbares Denkgebäude"
(S. 7) stellt der Autor in seiner Vorbemerkung fest. Wenn nun berechtiger-
und notwendigerweise nach einer Form für sein Werk gesucht wird, macht
sich der Autor nach eigenem Bekunden eher widerwillig auf den Weg einer
"Allgemeinheit ihrer Thesen zielenden Vorgehensweise" (S. 7) Der
Autor umgeht aber mögliche Klippen durch eine chronologisch an den
Wittgenstein'schen Texten entlang geführte Darstellung, in die er "Zwischenglieder"
einfügt. In diesem Zusammenhang verweist der Autor auf den umfangreichen
Anmerkungsapparat, in dem wichtige Beziehungen zu anderen Denkern untersucht
werden. Das Kapitel über das Palais Stonborough in Wien nutzt der Autor
geschickt als "eine Art Folie", die die späteren philosophischen
Probleme bereits erkennbar werden läßt.
Die Teilung des Werks Wittgenstein in zwei Teile - auf die "logische
Idealsprache der Frühphase" und der "linearen Denkweise"
des Tractatus folgt die täglich Umgangssprache und die "aossoziative,
nur in Paragraphen geordnete" Denkweise der Philosophischen Untersuchungen
(S. 9) -, wird vom Autor als revisi-onsbedürftig dargestellt. Offenkundig
diente diese Einteilung bisher oft als Versuch, sich dem Gedankengebäude
Wittgensteins zu nähern. Allerdings hat Wittgenstein selbst die Beziehungen
zwischen seinen Hauptwerken betont. Neben den inhaltlichen und formalen
Erwägungen gilt es nun einen Weg zu finden, der den literarischen Charakter
seines Werkes berücksichtigt. Der Autor, der diesem folgt, stellt dem
Leser in Aussicht, daß so nicht nur seine Philosophie sondern sein
Philosophieren aufgedeckt wird. Dieser Ansatz eröffnet dem Autor den
Weg, die Brüche und die Kontinuitäten im Werk Wittgensteins in
einen Zusammenhang zu stellen.
Der Autor weiß sich zu Recht auf der sicheren Seite, da Wittgenstein
im Vor-wort des Tractatus logico-philosophicus (1921) sein Werk nicht als
ein Lehrbuch bezeichnet, sondern vom Leser Vergnügen erwartet und nur
Verständnis von den Lesern erwartet, die Ähnliches schon einmal
gedacht haben. Für Gop-pelsröder ist der Tractatus auch ein literarisches
Werk und damit auch als "Manifest einer neuen Philosophie" (S.
17). Das Kapitel mit einigen wenigen biographischen Angaben zum Werdegang
Wittgensteins "Von der Mathematik zur Logik - vom Paradox zur Philosophie"
erklärt einleuchtend die Grundlagen des Tractatus, dessen erster Satz
"Die Welt ist alles, was der Fall ist," lautet.
Das zentrale Kapitel behandelt die "Ethnologische Wende am Leitfaden
der Poesie".
"Sprachphilosophie und Wahrnehmung" sind die Stichwörter
für die späte Philosophie Wittgensteins, die auf die Folgen aus
der ",ethnologisch-poetischen Wende' seines Denkens" (S. 63) zielt,
wobei das Sprachspiel als Modell verstanden wird, das eine Entdeckung der
Sprache mittels der Nennung nicht rational definierbarer Zusammenhänge
nachzuvollziehen versucht, indem das philosophische Thema auf dem Umweg
über die Infragestellung des Gewohnten erreicht werden soll. Schließlich
ist "Wittgensteins eigene philosophische Praxis" das Thema des
letzten Kapitels, das die "Radikalisierung der litera-rischen zur dichtenden
Philosophie" darstellt.
Dem Autor dieses Bandes ist eine sehr lesenswerte Einführung in das
Werk Wittgensteins gelungen, indem er die sprachlichen Schwierigkeiten des
Tracta-tus und der Philosophischen Untersuchungen keinesfalls etwa als schwierig
oder gar obskur dargestellt hat, sondern ihren literarischen Anspruch aufgegriffen
hat und den mit ihr verbundenen philosophischen Ideen einleuchtend dargestellt
hat. Sein Kapitel über "Wittgenstein als Architekt" ist viel
mehr als nur ein dem Le-ser in der Einleitung versprochene Ruhepol, denn
als eine praktische Interpreta-tion des Zusammenhangs von "Sagen und
Zeigen" zu verstehen. Der Autor greift die Zweiteilung des Werkes wieder
auf, aber nicht unter dem Aspekt der Trennung, sondern als eine Entwicklung,
die an vielen Grundsätze, die den Bau des Hauses in der Kundmanngasse
mitbestimmt haben, abzulesen sind. Archiktektur stellt in ihrer materiellen
Form alle gegenseitigen Verweise und Abhängigkeiten vor, sie wird zu
einer Geste, und der Autor kündigt nebenbei wenn auch indirekt sein
nächstes Buch an.
"Das Sprachspiel ist nicht Resultat wissenschaftlichen Kommunizierens,
(...) es ist ein Modell (...) welches sich (...) in die Situation hinein
überwindet."(S. 63) Die folgenden Kapitel zeigen die praktischen
Seiten der Philosophie Wittgen-steins und nehmen ihr viel von dem Image
schwer durchdringbar zu sein. Goppelsröders Art, die Entwicklung der
Sprachphilosophie Wittgensteins mit verständlichen Beispielen zu illustrieren,
zeigt auch, wie sich Wittgensteins Wunsch, seine Philosophie möge Vergnügen
bereiten, hier erfüllen läßt. Aber gerade mit der Sprache
zeigt der Autor, daß Wittgenstein die Unterscheidung von Sagen und
Zeigen im Sinne der "gerahmten Wahrnehmung" in den Philosophischen
Untersuchungen keineswegs aufgibt, sondern sie um angemessene Aspektwechsel
erweitert und so das Unaussprechbare thematisieren kann.
Es ist hier völlig unangemessen, diese gedrängte Einführung,
die den Leser mit sicherer Hand durch das Labyrinth des Wittgenstein'schen
Denkens lenkt, resümieren zu wollen. Mein kurzer Text geriet viel länger,
weil die Kapitel des hier zu besprechenden Bandes so ausdrücklich zur
genauen Lektüre einladen, die wiederum zur Lektüre von Wittgenstein
selbst verführen. Das besondere Verdienst des Autors, der hier nicht
ein einziges oder gar nur ein Spezialthema der Philosophie Wittgensteins
aufgegriffen hat, eine Untersuchung vorgelegt zu haben, mit der es ihm gelingt,
auf spannende Weise die Philosophie Wittgensteins vorzustellen, sollte auch
Literaturwissenschaftler dazu bewegen, über den Rand ihrer Disziplin
einmal hinauszuschauen.
Heiner Wittmann
Fabian Goppelsröder studiert Philosophie und Geschichte in Berlin und Paris. Zur Zeit arbeitet er an einer Dissertation in Stanford (CA). Er ist Herausgeber von Wittgensteinkunst. Annäherungen an ein Philosophie und ihr Unsagbares, diaphanes Verlag, Berlin 2006.
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