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Schönherr-Mann, Sartre. Philosophie als Lebensform
Hans-Martin
Schönherr-Mann, Sartre. Philosophie als Lebensform, C. H. Beck,
München 2005. ISBN 3-406-51138-4. EUR 16.90.
Die Einführung, die Schönherr-Mann in das Werk Sartres anläßlich
seines 100. Geburtstags vorgelegt hat, konzentriert sich auf die Entwicklung
des Existentialismus und dessen Verhältnis zum Marxismus. In den ersten
drei Kapiteln entwickelt der Autor die Grundlagen von Das Sein und das
Nichts (1943) und vor allem die Entwicklung seines Freiheitsbegriffs.
Er zeigt, wie Sartre mit dem Bezug auf Husserls Phänomenologie und
in Abgrenzung zu Descartes eine Definition des Bewußtseins entwickelt,
das immer ein Bewußtsein von etwas ist (S. 32), und gleichzeitig
von der Existenz zu unterscheiden ist, in dem Sinne, wie das Bewußtsein
über diese Existenz hinausweist, also die eigene Situation überschreiten
kann. Schönherr-Mann stellt die Entstehung von Das Sein und das
Nichts in einen Zusammenhang mit Sartres Kriegserlebnissen, der Besatzungszeit
in Paris und erklärt die Bezüge zu den Werken, die seinem philosophischen
Hauptwerk vorausgingen, wie La Nausée (1938) und folgten wie
seine Theaterstücke und der Romanzyklus Die Wege der Freiheit.
Die Freiheit ist gemäß der bekannten Formulierung, der Mensch
ist zur Freiheit verurteilt, auch selber ein Zwang; sie ist eine schwierige
und riskante Herausforderung, der wir aber nicht entgehen." (S. 58)
Die Freiheit beschreibt die menschliche Realität, die Sartre mit dem
Begriff der Situation kennzeichnet, die er mit dem projet
des Menschen, mit seinem Entwurf verbindet. .
In den folgenden Kapiteln entwickelt Schönherr-Mann
jeweils einen der Grundbegriffe der Sartreschen Philosophie, wie die mauvaise
foi, die Verantwortung und das Engagement, die er einzeln
untersucht und deren Entwicklung im Werk Sartres er in einen Zusammenhang
mit dessen politischen Engagement stellt. Schönherr-Mann entscheidet
sich gegen Traugott König, der von der Unaufrichtigkeit sprach,
dafür die mauvaise foi mit dem verdrehten Bewußtsein
zu übersetzen und begründet dies mit der Verdrehung der Freiheit
(S. 79), wodurch er im Gegensatz zum Freudschen Unbewußten die absichtliche
Verdrehung von Fakten und das Umdefinieren von Faktizitäten
verstehen möchte. Der Autor versucht so, Sartres Absicht, Freuds Theorie
vom Unbewußten abzulehnen, wiederzugeben, wobei aber zu bedenken ist,
daß so eine Aspekt dieses Begriffs möglicherweise unterschätzt
wird: "Das wahre Problem der Unaufrichtigkeit kommt evidentermaßen
daher, daß die Unaufrichtigkeit [mauvaise foi] ein Glaube [foi]
sei." (Sartre, Das Sein und das Nichts, S. 154) und nicht unbedingt
eine Lüge sondern ein "Seinsmodus"( ib. S. 156) ist. Diese
Unterscheidung ist wichtig, da Sartre auf dieser Grundlage, nämlich
eines Bewußtseins, das etwas ist, was es nicht ist und gleichzeitig
nicht das ist, was es ist, die permanente Versuchung der Unaufrichtigkeit
aufdeckt, und damit das Bewußtsein selbst untersuchen will, "...
das nicht Totalität des menschlichen Seins ist, sondern der instantane
Kern dieses Seins." (ib. S. 160)
Das Engagement stellt Schönherr-Mann mit dem Begriff der littérature
engagée in den von Sartre gemeinten Zusammenhang mit der Rezeptionsästhetik,
die dem Leser am Entstehungsprozeß des Werkes beteiligt. Allerdings
kommt in diesem Kapitel der Gedanke, daß ein Schriftsteller sich nicht
ausdrücklich mit einem bestimmten Werk engagieren kann, etwas zu kurz,
denn er ist immer engagiert, das heißt, er kann der Verantwortung
für seine Werke nicht ausweichen. Andererseits weist Schönherr-Mann
auch in seinen anderen Kapiteln sehr wohl auf die Bedeutung der Verantwortung
gerade in der Verbindung mit dem Sartreschen Konzept der Freiheit ausdrücklich
hin. Sartres Behauptung, die Wörter seien sein Abschied von
der Literatur gewesen, darf, so wie Bernard-Henri Lévy dies getan
hat, und Schönherr-Mann zitiert ihn, nicht überbewertet werden.
Die monumentale Flaubert-Studie ist der beste Beweis dafür, daß
ihn die Literatur sehr wohl weiter beschäftigt hat.
Seine Flaubert-Studie ist, wie es in ihrem Vorwort steht, die Fortsetzung
von Questions de méthode, einem Artikel der zunächst
1957 in einer polnischen Zeitschrift erschien und dann in überarbeiteter
Form im gleichen Jahr in Les Temps modernes, in dem Sartre die Zusammenhänge
zwischen dem Existentialismus und dem Marxismus untersucht. Die Kritik,
die Sartre in diesem Aufsatz, der 1960 wieder zu Beginn der Kritik der
dialektischen Vernunft erscheint, am Marxismus äußert, erlaubt
es nicht, vorbehaltlos von seinem "marxistisch orientierte[m] Denken"
zu sprechen. Seine Kritik am Marxismus in seiner damaligen Praxis ist so
deutlich, daß eine Verbindung zwischen Der Idiot der Familie
und der Kritik der dialektischen Vernunft allenfalls auf der Ebene
einer Kritik an der Dialektik selbst zu erkennen ist. Im übrigen übersieht
Schönherr-Mann Sartres deutliche Reserviertheit gegenüber dem
Stalinismus oder dem Kommunismus sowjetischer Prägung. Er zitiert den
von Sartre und Merleau-Ponty zusammen unterzeichneten Artikels "Les
jours de notre vie", der 1950 in Les Temps modernes erschien,
in der es heißt, daß die UdSSR sich im Gleichgewicht der Kräfte
auf der Seite derer befinden würden, die gegen die uns bekannten Ausbeutungsformen
kämpfen würden. (S. 137) Die Schlußfolgerung auf eine Zurückhaltung
Sartres hinsichtlich einer Kritik am sowjetischen Lagersystem kann durch
den Zusammenhang nicht gerechtfertigt werden. Sartre fügt an dieser
Stelle hinzu: Die Dekadenz des russischen Kommunismus könne die marxistische
Kritik nicht ungültig machen, und man müsse keine Nachsicht gegenüber
dem Kommunismus zeigen, das heißt aber auch nicht, daß man sich
mit seinen Gegnern verbinden könne. (Cf. Sartre, Merlau-Ponty, Les
jours de notre vie, in: TM, Nr. 51, 1950, S. 1162 f). Im diesem Artikel
heißt es u.a.: "A moins d'être illuminé, on admettra
que ces faits remettent entièrement en question la signification
du système russe." (ib. S. 1154) und "... il n'y a pas
de socialisme, quand un citoyen sur vingt est au camp." (ib, S. 1155)
und "En regardant vers l'origine du système concentrationnaire,
nous mesurons l'illusion des communistes d'aujourd'hui." (ib. S. 1160)
Sartres Wegbegleitung der KPF von 1951-1956 hat ihn zu keiner Zeit dazu
veranlaßt, seine Prinzipien und Konzepte hinsichtlich der Freiheit
des Menschen aufzugeben.
Sein 1970 in einem Interview geäußertes Erstaunen, (cf. Sartre par Sartre, in: ders., Situations, IX, S. 101 f.) darüber , daß er geschrieben habe, der Mensch sei immer frei, zu entscheiden, ob er ein Verräter oder nicht sein werde, wird von Schönherr-Mann mit der Frage verbunden, ob er mit seinem marxistischen Engagement die Freiheit aufgegeben habe? Eine unmittelbare Antwort gibt er nicht, aber beim Leser bleibt vielleicht ein bestimmter Eindruck von diesem Interview haften. Man muß Sartres ganze Antwort lesen, in der er ganz unmarxistisch wiederholt, daß jeder immer dafür verantwortlich sei, was man aus ihm gemacht habe, denn jeder Mensch könne immer etwas aus dem machen, wozu man ihn gemacht habe. Dies sei die Definition, die er jetzt der Freiheit geben würde.
"Philosophie als Lebensform" heißt der Untertitel des hier besprochenen Buches, in dem Autor im letzten Kapitel sein Ergebnis vorlegt: "... Sartres Existentialismus zeigt den Menschen ihre Freiheit und Selbstverantwortlichkeit sowie den Reflexionszwang, um ihr Leben selber zu gestalten." (S. 158)
Mit diesem Band ist dem Autor eine interessante Darstellung gelungen, die aufgrund einer geschickten Auswahl verschiedener Konzepte die Entwicklung des Denkens Sartres sowie seine festen Bezugspunkte in einen Zusammenhang mit seiner Zeitgeschichte bringt.
Heiner Wittmann
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