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Literatur, Kulturwissenschaft, deutsch-französische Beziehungen
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Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen

Roger Willemsen beginnt das Vorwort mit dem Satz "Dolmetscher sind
Höhlenmenschen," und meint damit, man sehe sie selten, weil sie
im Hintergrund oder im Verorgenen arbeiten. In Wirklichkeit sind sie aber
"Zöllner und Mittler", die uns beim Grenzübertritt helfen.
Und er weiss, dass Übersetzer und Dolmetscher unseren "kostbarsten
Rohstoff" behandeln" "Kommunikation und Vielsprachigkeit".
Jetzt hat
Jürgen
Stähle, seit 1982 Inhaber von Stähle
Internationale
Kommunikation in Stuttgart, bekannt durch seine Dolmetschertätigkeit
mit Schwerpunkt Fernsehen, ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis für "herausragende
Simultanübersetzungen im Fernsehen", eine ausführliche Beschreibung
seines Berufsbildes vorgelegt. Von wegen Höhlenmensch!
Zuerst geht es um die historische Einordnung seines Berufs, die feinen Unterschiede
zwischen Übersetzen und Dolmetschen und schließlich das Entstehen
des Beurfs des Simultandolmetschers mit den Abgrenzungen zum Konferenzdolmetscher.
Übersetzen ist Entscheiden heisst es im ersten Leitsatz. Aber Simultandolmetschen
steigert die Ansprüche und verlangt schnellere, blitzschnelle Entscheidungen,
sagt der 2. Leitsatz. Schließlich ist Übersetzen aber auch Interpretieren,
wie der 3. Leitsatz betont. Es geht nie um ein bloßes Umkodieren.
Der Simultandolmetscher kann sich nicht einfach hinsetzen, und das Gehörte
in einer anderen Sprache ausdrücken. Ein Teil der Übersetzungsarbeit
findet vorher statt, wie es der 4. Leitsatz andeutet: Kein Übersetzen
ohne Wissen und Verstehen und verweist auf die zwingend notwendige Vorbereitung
für einen "Einsatz".
Der 2. Teil enthält Stähles Anmerkungen zur Sprache mit ihren
Bezügen zur Linguistik und Semantik. Stolpersteine, falsche Feunde,
Blüten und Dornen, deren Bewältigung dieses Beruf zu einer Passion
machen.
Im 3. Teil wird die Technik des Simultandolmetschens eingehend mit Beispielen
erläutert. Handwerk oder Kunst? Stähle entscheidet sich eher für
"Handwerk" (S. 313) Die Feinfühligkeit, die Bereitschaft,
Zwischentöne und Bedeutungen richtig und sofort aufzufassen sind aber
doch schon eine Kunst, die Sprachbegabung, Einfühlungsvermögen
und ein gerüttelt Maß an Bildung voraussetzt. Rhetorische Begabung
und auch Talent gehören dazu. Der Simultandolmetscher macht zwar nicht
wie ein Künstler etwas Neues, aus dem was er hört, um dies in
einer anderen Sprache wiederzugeben, aber braucht dazu eben wesentlich mehr
als nur die Vokabelkenntnisse, sein Handwerkszeug. Also doch auch ein weing
ein Künstler.
Ein Übersetzer arbeitet eher im Verborgenen, in seiner Höhle.
Aber er sollte Übung im Simultandolmetschen und umgekehrt haben. Der
Simultandolmetscher ist viel mehr der unmittelbaren Kritik ausgesetzt, -
noch mehr der Konsekutivdolmetscher - man merkt seine Präsenz erst
dannt, wenn die Kommunikation nicht funktioniert oder sich Fehler eingeschlichen
haben. Wie schwieirig diese Art des Üerbsetzen ist, merkt man oft im
Fernsehen, wenn Sprecher eben mal schnell den O-Ton einer fremden Sprache
ins Deutsche übertragen. Unwillkürlich will man dann immer einer
Fehler gehört haben. Beherrscht man beide Sprachen, zwischen denen
der Konsekutivdolmetscher vermittelt, merkt man schnell, dass man sich manchmal
nicht mehr so sehr auf den Inhalt konzentriert, weil man mehr oder weniger
unbewußt gleich den Dolmetscher prüft, bringt der die Bedeutunge
richtig rüber? Was hat er vergessen? Welches Wort fällt ihm nicht
ein. Und so kann man ein bisschen an seinem Lampenfieder teilhaben. Die
Qualitätsmerkmal für Simultandolmetscher enthalten ein kurzgefasste
Liste der Ziele: "Er schafft die Gratwanderung zwischen zwei Horizonten,"
und er "palpiert" wenn mal nicht klar wird, was der Redner ausdrücken
will, dann überträgt er auch das, was er nicht hört.
Stähles Buch macht Lust auf diesen Beruf, bei dem es keineswegs nur darum geht, Gehörtes in einer anderen Sprache nachzuerzählen. Der virtuose Umgang mit Sprache wie auch die Kenntnis der Inhalte, um die es geht, stellen besonders hohe Anforderungen an diesen Beruf, dessen Herausforderungen Stähle hier systematisch beschrieben hat, wobei er nicht nur nebenbei die Passion vermittelt, mit der er seinen Beruf ausübt.
Heiner Wittmann
Jürgen Stähle, Roger Willemsen (Vorwort)
Neuerscheinung
Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen
Handwerk und Kunst des zweitältesten Gewerbes der Welt
Franz
Steiner Verlag, Stuttgart 2009.
413 S., 14 s/w Abb. Gebunden
ISBN 978-3-515-09360-6
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Kontakt:
Heiner Wittmann