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Literatur, Kulturwissenschaft, deutsch-französische Beziehungen
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Véronique Taquin

Véronique Taquin, Vous pouvez mentir
Editions du Rouergue, Paris 1998, ISBN: 2-84156-128-3
Eines Tages erhält Niels einen anonymen Brief, in dem ihm "A"
die Geschichte einer Beziehung mit "B", die ihn wohl offenkundig
verlassen hat, anbietet. Allerdings solle Niels nur Materialien erhalten
und die Geschichte selber schreiben. Niels zögert, willigt dann aber
während seiner Sendung "Pseudo" mit dem einzigen, kurzen
Satz "Ich bin ein öffentlicher Schriftsteller" ein.
Am nächsten Tag erhält er einen weiteren Brief von A und beginnt
mit der Niederschrift der Geschichte, die er als Feuilleton in seiner Sendung
vorliest. Die einzelnen Episoden, die er aufgrund der Angaben in den folgenden
Briefen erfindet, beginnen Niels eigenes Leben zu verändern. Je mehr
Hinweise, er in den Briefen von A erhält, umso mehr beginnen Realität
und Traum ineinander überzugehen. Ein Roman, in dem der oft bemühte
Begriff der Identifikation ein neues Gewicht bekommt. Es geht in der Geschichte
oder in den aufeinander folgenden Szenen des Romans um Erwartungen, Lügen
aber auch um den Satz, den A in seinem Brief schrieb, "Auf diese Weise
ist jeder perfekt frei," und der eine Grundlage für sein Geschäftsverhältnis
mit Niels sein sollte. Ist aber wirklich jeder frei oder nicht doch in ein
Geflecht von Verhältnissen eingebunden, aus denen er sich auch durch
Lügen nicht befreien kann? In diesem Sinne erforscht die Autorin die
Bedeutung der Identifikation und der Leser kann selbst prüfen, ob ihm
Niels eher sympathisch ist und ob der Verlauf der Geschichte dieses Urteil
beeinflußt. Eine Biegraphie, die nicht wahr ist, kann schnell zu einem
Kriminalroman werden. Und in welchen Momenten droht eine Biographie zu kippen?
Der Autorin ist es gelungen, ein spannendes Buch zu schreiben, in dem die
Erzählung und die direkte Rede immer wieder wirkungsvoll ineinander
übergehen und die Hauptperson Niels sich zunächst vom Lauf der
Ereignisse fortreißen läßt, dann aber doch versucht, den
Dingen auf den Grund zu gehen. Langsam dämmert es ihm, daß die
Fiktion wieder in die Realität übergeht, als er sich für
den Lebenslauf seiner Freundin Anna eingehender interessiert und ihn genauer
erkunden läßt.
H.W.
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Kontakt:
Heiner Wittmann