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Literatur, Kulturwissenschaft, deutsch-französische Beziehungen
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Web 2.0 in der Schule
Will
Richardson
Wikis, Blogs und Podcasts.
Neue und nützliche Werkzeuge für den Unterricht
übers. v. E. und J. Ohnacker
Überlingen: TibiaPress 2011
ISBN: 978-3-935254-17-5
Mit der Übersetzung der 3. Auflage des Bandes von Will Richardson,
der 2010 in den USA erschienen ist, liegt jetzt ein nützliches Buch
vor, dass alle Perspektiven von Web 2.0 für Schule und Unterricht umfassend
vorstellt. Naturgemäß werden viele amerikanische Beispiele gezeigt,
und die deutschen Übersetzer haben auch deutsche Beispiele aufgenommen
und verweisen auf
ihre
Website für das Buch, (nach
http://bit.ly/hRQ7zg
- nach "bit" fehlt im Buch, S. 11, ein Punkt) wo der Leser weitere
deutsche Beispiele finden kann.
Kann man mit Web 2.0 besser lernen? darf man sich fragen, wenn man dieses
Buch aufschlägt. Im ersten Kapitel wird ein Überblick über
das interaktive Web angeboten. Der Abschnitt "Soziales Lernen"
verheimlicht nicht "die Kluft zwischen Lehrern und Schülern",
die "durch das interaktive Web eher noch" größer wird.
(S. 25) Folglich ist dieses Buch auch eine Anleitung für Lehrer, ein
Ansporn, sich mit den neuen Möglichkeiten des Web zu beschäftigen,
die im Abschnitt Werkzeugkasten (S. 28 f.) kurz uns prägnant aufgezählt
werden. Weblogs, Wikis, Twitter, Podcasts und soziale Netzweiten sind Hilfsmittel
für den Unterricht, sie werden den Lehrer nicht von seinen Hauptaufgaben,
nämlich der Vermittlung von Stoff und der Anleitung der Schüler
abhalten. Damit wird hier zumindest indirekt die Frage nach dem Erfolg des
selbständigen Lernens gestellt. Erst kürzlich hat Gerhard Roth,
Bildung
braucht Persönlichkeit. Wie lernen gelingt auf die Notwendigkeit
des Frontalunterrichts hingewiesen.
Im 2. Kapitel wird die pädagogische Theorie und Praxis von Weblogs vorgestellt. Die Anwendungsmöglichkeiten von Weblogs im Unterricht (S. 68 f.) zeigen die ganze Vielfalt von Blogs in der Schule. Aber gerade in dieser Vielfalt geht einer der Kernaspekte eines Blogs ein wenig unter. Arbeiten viele an einem Blog mit, wird er nur selten eine Seele bekommen. Viele zusammen können nur den gewünschten Erfolg erzielen, wenn eine verantwortliche Hand, die Inhalte ordnet und zusammenführt. Nebenbei vermittelt der Autor in diesem Kapitel auch wichtige Hinweise auf die Medienkunde: Schüler müssen lernen, Quellen zu bewerten und sich nicht auf die erstbeste Quelle zu verlassen. Im 3. Kapitel geht es um den Einstieg in eigene Weblogs. Richtig: Klein anfangen (S. 79). In Deutschland gibt es schon eine von Unterrichts- und Schulblogs (S. 91-94).
Ganz andere Möglichkeiten bieten Wikis. Die vielen Adressen,
die in diesem Kapitel angeboten werden, müssten auf einer Website angezeigt
werden, damit dieses Kapitel leichter durchgearbeitet werden kann. Wikipedia
wird manchen Schüler hilflos machen und ihn überfordern. Die Textmenge
mancher Einträge ist kaum zu bewältigen und in ihrer Komplexität
für den Unterricht nicht geeignet. Man darf auch kritisch fragen, ob
manche Wikipedia-Artikel gar ein Ausgangspunkt (S.101) für weitere
Recherchen der Schüler sein können. Ganz andere Möglichkeiten
ergeben sich mit eigenen Wikis, in denen Unterrichtsergebnisse von den Schülern
dokumentiert werden: Liste der Schulwikis: S. 115.
Die Nutzung von RSS-Feeds (S. 117-132) ist schon höheres Web 2.0 und
wird in diesem Buch sehr einleuchtend beschrieben dürfte aber erst
zum Zuge kommen, wenn Lehrer und Schüler sich mit Blogs mehr vertraut
gemacht haben.
Kapitel 6 stellt das soziale Web vor: Gemeinsam lernen: "Die kollektive
Konstruktion von Wissen durch alle, die bereit sind, dazu beizutragen, verändert
gleichzeitig unsere Definition von Lehren und lernen auf allen Ebenen."
Ds ist eine charmante Umschreibung für die Informationsflut, die ein
soziales Netzwerk wie Facebook mit sich bringt. Das Lernen an sich wird
dadurch überhaupt nicht verändert. Ohne Anleitung, ohne die Vorgabe
von Inhalten und Methoden sind Schüler im Mitmachnetz verloren. Schon
in den traditionellen Suchmaschinen, die auf ihrer Homepage nur eine karge
Eingabezeile, hinter der sich das WWW versteckt, anbieten, müssen Schüler
erst lernen sich zu orientieren. Zu leicht werden mit Twitter und Wikipedia
die Grenzen zwischen bloßem Informationen und tatsächlichem Wissen
verwischt. Auf S. 134 wird der Unterschied von komplexen Netzwerken und
dem herkömmlichen Unterricht erläutert. Nein, im Unterricht findet
die Arbeit des Schülers nicht "meist isoliert" statt. Es
kann dazu kommen, wenn der Unterricht sich nur auf den Frontaleinsatz des
Lehrers beschränkt. Unterschiedliche Sozialformen schaffen aber ein
Netzwerk in der Klasse, das in seiner Wirkung nicht unterschätzt werden
darf. Web 2.0 ist ein Hilfsmittel aber nicht ein Ersatz für alle Unterrichtsformen,
wie es hier anklingt. In diesem Sinn sind Flickr, Podcasts, Videos, Screencasts
und Livestreams (Linkliste S. 191) eher "Behälter" für
Unterrichtsinhalte aber kein Ersatz für Unterricht.
Soziale Netzwerke wie Facebook und Ning werden im 9. Kapitel viorgestellt. Dem Autor sind die Dummheiten bewußt, die mit diesen Diensten angestellt werden können. Er tritt aber doch dafür ein, dass diese Netzwerke auch im Unterricht thematisiert werden sollten.
Kapitel 10 und der Epilog diskutieren die "Neue[n] Perspektiven für
den Unterricht": "Niemand kann ernsthaft in Frage stellen, dass
sich das Internet weiterhin und mit rasender Geschwindigkeit zur umfassendsten
Informationsquelle der Geschichte entwickeln wird." (S. 215) In der
Tat, die Vielfalt der sich rasch im Umfang vergrößernden Inhalte
ist bemerkenswert. Aber die Unterstützung des Internets bei der Abfassung
einer Hausarbeit, eines Referates hält sich in Grenzen. Mit Hilfe des
Internets kann man kein Buch über
Camus
schreiben. Keinen Roman von Balzac analysieren. Und die Versuchung, ein
Referat über die deutsch-französischen Beziehungen mit Versatzstücken
aus dem WWW zu füttern, ist größer, als der tatsächliche
Erkentnnisgewinn. "...bei der Schaffung von Inhalten [wird] zunehmend
gemeinschaftlich gearbeitet" (S. 215). Mit Recht sagt der Autor nicht,
dass gemeinschaftlich gelernt wird. Trotz aller Errungenschaften
wird auch künftig individuell gelernt werden. Und Die Beschaffung
von Inhalten ist und bleibt wohl auch eine individuelle Leistung, da
das Lesen keine Gemeinschaftsaufgabe werden kann. Die Gretchenfrage lautet
daher, ob Wissen durch "soziale Prozesse geschaffen und erworben wird"
(S. 216) Natürlich und ohne Zweifel eröffnet das Web 2.0 mit seinen
schon jetzt völlig unübersehbaren Angeboten ein riesiges Betätigungsfeld,
für das aber Schüler auch künftig eine Anleitung benötigen
werden. Diese Anleitung kann und muss ihnen die Schule vermitteln. Den Horizont
für die Vielfalt der Angebote und Inhalte im WWW erwerben sie nicht
im Netz selber, sondern durch Lehrer, die ihnen diese Welt öffnen.
Die "Bedeutenden Veränderungen" (S. 218-226): Open Content.
Lernen soll durch einen Unterricht nach dem Open-Source-Prinzip ersetzt
werden. S. o., dahinter verbirgt sich ein Ruf naach gemeinschaftlichem utopischen
Lernen. Lesen und Lernen kann man dem einzelnen Schüler nicht abnehmen.
Der Band ist wegen der vielen Hinweise auf Webprojekte jeder Art im Unterricht und in der Schule eine gelungene Einführung in das Thema "Web 2.0 im Unterricht". Der Band ist auch gelungen, weil er er einen interessanten Diskussionsbeitrag zum Nutzen von Web 2.0 in der Schule mitliefert. Manchmal überwiegt hier die Begeisterung für die neuen Möglichkeiten.
Heiner Wittmann
Zum Weiterlesen:
Apprendre
le français et Web 2.0: Notre petit projet de recherche
Französischunterricht:
Sind Klassenzimmer Web 2.0 freie Zonen?
Bac:
Réviser avec la Toile ? Abiturvorbereitung mit dem Internet?
Französischunterricht
1.0 => 2.0
Web
2.0 auf dem Frankreich-Blog - 149 Beiträge
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