Rezension: I.-M. D’Aprile u.a. (Hg.), Ressourcen der Aufklärung, 50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein-Verlag 2025

I.-M. D’Aprile u.a. (Hg.), Ressourcen der Aufklärung2025 haben Iwan-Michelangelo D’Aprile, Annette Meyer und Vanessa de Senarclens einen bemerkenswerten Band mit „50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert“ unter dem Titel > Ressourcen der Aufklärung vorgelegt. Eine Pflichtlektüre für alle Studenten, die sich in irgendeiner Art und Weise mit dem Zeitalter der Aufklärung beschäftigen. Allen 50 Autoren ist es bestens gelungen, weit mehr als nur 50 Aspekte der Aufklärung von der Literatur, über die Philosophie, die Religion, der Buchdruckkunst unter allen ihren Aspekten, Gesellschaftskritik, Kunst, Musik, Dichtung, Ökologie, Menschenrechte, Naturschutz, Geschichte, Gesundheit und Naturwissenschaften aufzudecken.

Jeder Interessent wird sicherlich die Aufsätze zu seinem Fachgebiet lesen, aber das ganze Buch verführt ständig zum Weiterlesen und allen 50 Autorinnen und Autoren ist es gemeinsam gelungen, eine Kulturgeschichte der Aufklärung zu verfassen, mit der leicht gezeigt werden kann, dass das Herausgreifen einzelner Aspekte der Epoche ihr kaum gerecht werden kann. Es ist die gemeinsame Leistung aller 50 Beiträgerinnen und Beiträger das Zeitalter der Aufklärung bis in die hintersten Ecken sorgfältig ausgeleuchtet zu haben.

Einige Beiträge sollen hier das Prinzip dieses Bandes zeigen. Die Auswahl scheint auf den ersten Blick zufällig, bei näherem Hinsehen ist die Abfolge der Beiträge sehr wohl aufeinander abgestimmt und es ergibt sich selbstverständlich eine Auffächerung der Epoche der Aufklärung, ganz so wie eine einzelne Monographie gar nicht imstande wäre sie vorzutragen. Jeder Beitrag ist zwischen 5-10 Seiten lang und jeder fordert nicht nur indirekt zum Weiterlesen auf.

Den Auftakt macht Richard Bourke mit einer Überlegung über die Antwort auf Kants Frage Was ist Aufklärung? (1784), die zu einem „Prozess de intellektuellen Befreiung“ (S. 19) führt. Sein Artikel wird durch eine Reihe genauso grundlegender Beobachtungen ergänzt, wie z. B. im Beitrag von Gideon Stiening, der „Zureichende GRÜNDE“ anhand von Gottfried Wilhelm Leibnizens „Theodizee“ untersucht, eines der „meistgelesenen Bücher(…) des 18. Jahrhunderts.“ (S. 152) Es geht dabei um „das ‚Principium rationis sufficientis‘ als Fundament der Aufklärung“, wie es im Untertitel heißt. Das Zeitalter der Aufklärung wurde auch durch die Rezensenten befördert. Alexander Košenina „Die Epoche der KRITIKER“ hat diesen Aspekt mit wertvollen Anregungen zum Weiterforschen untersucht. Der Beitrag von Achim Vesper „SELBSTDENKEN vor Kant“ gehört auch dazu.

Stephanie Stockhorst erinnert an die Wertheimer Bibel von Johann-Lorenz Schmidt (1702-1749). Daniel Fulda hat sich mit Hans Fürstenberg und seinen Buchsammlungen beschäftigt. Barbara Vinken berichtet über die Marquise de Merreuil, die zur größten Libertine des Jahrhunderts wird: Choderlos de Laclos hat ihr in den „Liaisons dangereuses“ eine unvergleichliches Denkmal gesetzt. Sylke Kaufmann weist auf die Erfolge von Johnna Dorothea Sysang und ihre „Karriere als KÜNSTLERIN“ hin.

Dazu kommt dann Bezug zur Gegenwart, so wie auch andere Aufsätze das Erbe der Aufklärung aus heutiger Perspektive evaluieren. Vanessa de Senarclens nennt ihre spannenden Parallelen zwischen der Tagebüchern von Victor Klemperer (1933-1945) und der Aufklärung „Exil im 18. Jahrhundert“. Wolfgang Schmale vergleicht das Zeitalter der Aufklärung mit dem des Digitalzeitalters, das uns neue Ketten anlegt und uns mit „Künstlicher Intelligenz“ wahre Wunderdinge vorgaukeln will, viel Hype um nichts.

Vincenzo Ferrone Hat den Titel seines Beitrags geschickt formuliert: „Das MENSCHENRECHT der Aufklärung. Viel mehr als ein bloße Bilanz, eine Verpflichtung.“ „Naturschutz anno 1761“ präsentiert uns Jana Kittelmann. „ÖKOLOGISCHE AUFKLÄRUNG“ von Corinne Pelluchon gehört auch dazu.

Manche glauben ja, man finde alles im Internet, wie der so geschickte schnelle Griff zum Handy das immer wieder belegen soll. Weit gefehlt. Christian Filips hat einen Archivbesuch bei der gesungenen Aufklärung unternommen: „Denkende NOTEN“.

Anita Hosseini zeigt uns, was uns heute das Bild von Nicolas de Largillière (zugeschrieben) mit der Ankunft der persischen Gesandten in Versailles 1715 über das neue heranbrechende Zeitalter verraten kann. Jeder Buchleser wird den Artikel von Carlos Spoerhase „Ressource DRUCKBOGEN“ mit großer Aufmerksamkeit lesen. Sein Aufsatz gehört in die Reihe derjenigen, die den Prozess der Aufklärung mittels der Medien beleuchten. Dazu zählt auch die Literaturgeschichte: Nicholas Cronk stellt die Oxforder Voltaire-Edition (1968-2022) vor. „Voltaire als GEGENGIFT“ lautet die Überschrift von Antoine Liltis Beitrag zu „Julien Bendas Vorwort zum ‚Dictionnaire philosophique‘ von 1963. Albrecht Schönes Beitrag „Unser LEHRER Lichtenberg“ ist ein gelungener Ansporn, Lichtenberg endlich wieder zu lesen. Schöne Urteilt über des Mathematikers Lichtenbergs prinzipielle Gewohnheit, Dinge anzuzweifeln: „Es geht da auch gar nicht nur um reine Mathematik in dem Sinn, dass überhaupt alles einfach Behauptete und Geglaubte, Eingefahrene und Gängige, ungeprüft Fortgesetzte und gedankenlos Weitergewurschelte ins Säurebad des Zweifels gehört. “ (S. 207)

Viele Artikel demonstrieren die Aufklärung aus einem historischen Blickwinkel: „RADIKALITÄT in Handschriften“: „Die Marchand-Manusktipte und die klandestine Aufklärung“ von Margaret C.Jabok. Oder den Austausch zwischen den Mächtigen und den Literaten… wer war wohl mächtiger? Christiane Mervaud: „Asthetische REGIERUNGSBERATUNG“ „Der Friedrich II. gewidmete Artikel „Arts, Beaux-Arts“ in der ‚Questins sur l’Encyclopédie‘ von Voltaire.

Hans-Jürgen Lüsebrink zeigt mit seinem Beitrag „ENZYKLOPÄDISMUS, Wissenskritik“ die „Transkulturalität der Aufklärungsbewegung und ihre Aktualität“. Aus Leipzig stammte Christina Marina von Ziegler. Astrid Dröse nennt den Beitrag zu ihrem Wirken. „FRAUEN in Edelmetall. Weibliche Aufklärung als publizistisches Ereignis“. Marin Mulsow erinnert an David Graeber (das Video zur Erinnerung an unser Gespräch am 8. April 2016), der mit seinen Arbeiten eine „Entkolonisierung der Aufklärung“ versuchte. Messan Tossa „Aufklärung und KOLONIALISMUSKRITIK“ vertieft dieses Thema. Meike Wagner verrät in „GESELLIGKEIT in Stiefeln“, wieso Stiefel auf der Bühne ein No-Go sind. Neue Zeiten bringen auch neue Gesundheitsapparate hervor: so das „Trémoussoir“ des Abbé de Saint-Pierre, das Helga Meise beschreibt.

Wo Dunkelheit herrscht, braucht man Licht: „Lesen im Dunkeln“, wie technischer Fortschritt und Leverhalten voneinanderabhängen zeigt Chrstine Haug.

Das Buch schafft ein neues Genre im Rahmen der wissenschaftlichen Literatur, die sich thematisch, wie auch zeitlich in multiperspektivischer Weise einer Epoche nähert: „Epochenstudien“ ? Unsere Redaktion sucht noch ein Wort, eine treffende Bezeichnung, die dem das dem Glanz des Vorhabens des hier besprochenen Buches über die Aufklärung gerecht wird, so dass man mit diesem Genrebegriff z. B. eine ganz ähnlich aufgebaute Studiensammlung z. b. über die französische Revolution vorschlagen könnte. Die hier vor Studien haben den Vorteil, so viele verschieden Aspekte der Aufklärung zu nennen und zugleich ihre Evaluation im Verhältnis zu allen anderen Themen wie auch im Zeitablauf zur Analyse vorzuschlagen.Über allen Beiträgen schwebt aber der unablässige Ansporn, sich die Epoche der Aufklärung als einen großen Aufbruch zu begreifen, der sich schon in den Anfängen selbst evaluierte, korrigierte und ergänzte. Auf diese Weise decken alle Autoren zusammen, die Antriebskräfte dieser Epoche auf, die sie alle in ihren Studien so präzise dokumentiert haben. In diesem Sinne ist diese Studiensammlung manch dicker Monographie überlegen. Vielleicht hätte unsere Redaktion die Artikel anders angeordnet, dann wäre aber der Anreiz zum Entdecken neuer Themen verlorengegangen. Also bleibt es beim uneingeschränkten Lob für alle und alles in diesem Band.

Iwan-Michelangelo D’Aprile, Annette Meyer, Vanessa de Senarclens (Hg.),
> Ressourcen der Aufklärung
50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert
Wallstein-Verlag: Göttingen 2025
434 S., 58 z.T. farb. Abb., geb., Schutzumschlag, 14 x 22,2 cm
ISBN 978-3-8353-5882-9

Workshop zu Jean-Paul Sartres Cahiers pour une morale: 25.-27. September 2026

Die Sartre-Gesellschaft veranstaltet vom 25.-27.September einen Workshop in Jena. Diesmal geht es um Sartres Entwürfe für eine Moralphilosophie.

Ort: Friedrich-Schiller-Universität in Jena/Carl-Zeißstr. 3, SR 207
Leitung: apl. Prof. Dr. Jens Bonnemann

Für Jean-Paul Sartre ist der Mensch nichts als das, wozu er sich macht, denn die Existenz geht der Essenz voraus. Dies ist die Grundthese, die in sich wie ein roter Faden durch Sartres Hauptwerk Das Sein und das Nichts (1943) zieht. An dessen Ende kündigt er ein Buch über Moral an. An dieser Moral arbeitet Sartre vor allem in den Jahren 1947/48, sie bleibt jedoch unvollendet. Die aus dieser Zeit stammenden Notizhefte im Umfang von ca. 1000 Seiten werden erst posthum 1983 unter dem Titel Cahiers pour une morale und 2005 in deutscher Übersetzung als Entwürfe für eine Moralphilosophie veröffentlicht. …

Die Veranstaltung der Sartre-Gesellschaft, zu der es voraussichtlich einen zweiten Teil im März 2027 geben wird, richtet sich an alle Sartre-Interessierte (Studierende, Doktoranden, Habilitanden usw.). Vorkenntnisse sind sehr willkommen, jedoch nicht notwendig. Zur Vorbereitung wird die Lektüre der folgenden Seiten empfohlen: die Abschnitte: Jean-Paul Sartre, Entwürfe für eine Moralphilosophie, übers. v. H. Schöneberg und V. v. Wroblewsky, Hamburg 2005, zum Recht: S. 246-263, zur Gewalt: S. 301-379, zur Pflicht: S. 441-480, zur Intersubjektivität: S. 481-517, 632-748, zur Unterdrückung: 517-571, 975-1000 und schließlich zur moralischen Konversion: S. 819-884

Bitte weiterlesen: Ankündigung Workshop Cahiers Sep 26 *.pdf

Es wird um verbindliche Anmeldung zum Workshop bis 30. Juni 2026 an Jens Bonnemann, den Präsidenten der Sartre-Gesellschaft, jensbonnemann@gmx.de, gebeten.

Festival Rétif de la Bretonne 2026 in Sacy: Un entretien avec Christian Pythieu et la promenade littéraire

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Rezension: Jean-Noël Jeanneney, Le Rocher de Süsten. Mémoires, t. III, 1991-2002. Marianne et Clio

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Jean-Noël Jeanneney, Le Rocher de Süsten. Mémoires, t. III

Traduction faite avec le soutien de deepl.com.

Jean-Noël Jeanneney,
Le Rocher de Süsten. Mémoires, t. III, 1991-2002. Marianne et Clio,
Paris, Ed. Seuil 2026

Eine Hauptseminarbeit „Die Kunst im Werk von Jean-Paul Sartre“

Bitte an ChatGPT: „Erstelle ein Bibliographie für eine Hauptseminararbeit im Fach Romanistik „Die Kunst im Werk von Jean-Paul Sartre“:

Antwort von ChtGPT (29.6.2026): „Bibliographie
Primärliteratur

L’Imaginaire. Paris: Gallimard, 1940.

Qu’est-ce que la littérature?. Paris: Gallimard, 1948.

La Nausée. Paris: Gallimard, 1938.

Les Mots. Paris: Gallimard, 1964.

L’Être et le Néant. Paris: Gallimard, 1943.

Situations, I. Paris: Gallimard, 1947.  Situations, IV, portraits  fehlt.

Baudelaire. Paris: Gallimard, 1947.

Saint Genet, comédien et martyr. Paris: Gallimard, 1952.

Kein Wort von Tintoretto.

Sekundärliteratur  Die Autoren?

Sartre. Cambridge: Cambridge University Press, 1988.

The Cambridge Companion to Sartre (Hrsg.). Cambridge: Cambridge University Press, 1992.

Sartre. Paris: Gallimard, 1985.

Jean-Paul Sartre: A Literary and Political Study. London: Hamish Hamilton, 1960.

Sartre’s Two Ethics. Chicago: Open Court, 1993.

Sartre and the Artist. London: Continuum, 2008.

Existentialism from Dostoevsky to Sartre (Hrsg.). New York: Meridian Books, 1975.

Literatur zur Kunstästhetik und Philosophie       Autoren? 

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970.

Phänomenologie der Wahrnehmung. Paris: Gallimard, 1945.

L’œil et l’esprit. Paris: Gallimard, 1964.

Deutschsprachige Einführungen

Jean-Paul Sartre zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag.

Jean-Paul Sartre. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Hinweise

Für eine Hauptseminararbeit in der Romanistik empfiehlt es sich, mit den französischen Originalausgaben zu arbeiten und deutsche Übersetzungen nur ergänzend heranzuziehen. Besonders relevant für das Thema „Die Kunst im Werk von Jean-Paul Sartre“ sind:

L’Imaginaire (Theorie der Vorstellungskraft und des Bildes)
Qu’est-ce que la littérature? (Literatur- und Kunstverständnis)
Situations I (Essays zur Kunst und Literatur) Falsch: Der Untertitel lautet  „critiques littéraires“
Situations, IV, portraits  fehlt
Baudelaire und Saint Genet (Anwendung seiner Kunsttheorie auf Künstlerbiographien)

Diese Titel bilden eine solide Grundlage für eine wissenschaftliche Hauptseminararbeit im Umfang von etwa 20–30 Seiten.“

Vielleicht sollte der Student nochmal genauer nachsehen, bevor er sich an die Lektüre der hier vorgeschlagenen Werke begibt.

Lesebericht und Nachgefragt: Michael Wildenhain, »Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz«

In einer neuen Reihe von Klett-Cotta ist 2024 der Band von Michael Wildenhain, »Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz«, erschienen.

Inmitten des unendlichen Stroms so vieler Artikel überall in den Medien, die das jüngste Aufblühen der Künstlichen Intelligenz rühmen und wahre Wunderdinge voraussagen, ist es wohltuend, dass Michael Wildenhain uns zunächst mit Goethes Homunculus und Mary Shelleys Frankenstein an das Verhältnis von menschlicher zu künstlicher Intelligenz erinnert.

Wir wissen gar nicht genau bis in die letzten Details, wie das menschliche Gehirn funktioniert, aber die Anhänger der KI geben vor, es bald nachbauen zu können. Schon lassen sich Studierende ihre Seminar- und Abschlussarbeiten mit der sogenannten KI („ein > Oxymoron“ Éric Sadin) schreiben und generieren Bibliographien, die oft auf Halluzinationen der KI beruhen.

Der große Vorzug dieser knappen, präzisen und gelungenen Darstellung von Wildenhain ist die Erinnerung an die Geschichte der KI-Entwicklung im 20. Jahrhundert, zu der die ungeheure Zunahme der Rechenleistung, der Speicherkapazitäten und damit die immer größere Zahl von Texten gehören, mit denen ChatGPT trainiert werden kann. Man kann es aber drehen und wenden, wie man will, die „Entwicklung einer starken KI steht hingegen nach wie vor aus.“ (S. 25). Mit anderen Worten, ChatGPT kann viel, aber nur das, was man ihm in Form von Inhalten und Algorithmen gesagt hat, wie man es trainiert hat, der Rest wird dazu halluziniert. Emotionen sind für diese „KI“ ein Fremdwort.

Punktuelle Erfolge wie Siege im Schachspiel sind eher nach Hubert L. Dreyfus eine Frage der Rechenleistung und der Algorithmen denn des in der KI nicht vorhandenen Intellekts. (vgl. S. 37) Das gilt auch für „Situationen“ und ganz allgemein den Kontexten, die die „KI“ nicht erfassen kann. Sie versteht ihre Programmierung, ihre Algorithmen, soweit ihr gesagt wird, was das ist und wie sie sie einsetzen soll. (vgl. S. 49 f.)

Der Vergleich zwischen Gehirn und Maschine ist besonders erhellend: „Das Gehirn ist hingegen kein logisch-kausales System.“ (S. 55) Es ist schlicht nicht geeignet, in 0 und 1 übersetzt zu werden. Es gibt im Gehirn keinen Prozess, der einem Digitalcomputer äquivalent wäre. (vgl. S. 55) Ganz abgesehen davon, dass wir über das Zusammenspiel von Neuronen und Arealen im Gehirn noch gar nichts wissen. (vgl. S. 56)

Dieter Mersch,
Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik
Köln: Herbert von Halem Verlag, 2025
ISBN 978-3-86962-709-0

Ohne Zweifel haben alle von Wildenhain zitierten Wissenschaftler Bedeutendes geleistet und dennoch erscheint es so, als wenn heute die Begeisterung über die KI und ChatGPT deren Grenzen ganz einfach ignoriert und die Aspekte, die in der Forschung kritisch betrachtet wurden, verschwiegen werden. Heute stellt man die Frage, ob die neue KI mit ChatGPT auch gefährlich werden könne? Wildenhain unterstreicht in einer Antwort einen bisher wenig beachteten Aspekt, der sich aber logisch aus der bisher eher vorbehaltlosen Begeisterung über die Perspektiven von ChatGPT ergibt: “… eine KI (oder Software) wird zur Agentin einer sich umgreifenden Abstumpfung der Menschheit, die sich durch den zunehmenden Rückzug aus der Wirklichkeit und den realen sozialen Beziehungen mit großer Wahrscheinlichkeit ergeben wird.“ (S. 73)

ChatGPT habe kein Faktenwissen (vgl. S. 75): „Sie (i.e. die Maschine) lebt, anders als der Mensch, nicht in der Welt.“ (S. 78) Ihre Reproduktionen orientieren sich nur an Vorhandenem, sie kann nur mit mutmaßlichen Folgewörtern arbeiten, aber nicht mit einer Imagination: „Von der KI zu sprechen ist, alles in allem, unsinnig.“ (S. 77) So wie es mit 1 und 0 jongliert hat das „kaum etwas mit den Spielarten von Intention zu tun, die der Mensch im Verlauf der Evolution ausgebildet hat …“ (S. 78)

Wenn die Studentin sich für ein Stipendium bewirbt und ihrem Antrag eine Bibliographie beifügt, kann sie froh sein, wenn der Dozent stutzig wird und sie nach der Quelle der bibliographischen Angaben fragt. Ja, sie habe bei ChatGPT nachgefragt, gibt die Studentin zu. Und wenn der Dozent ihr dann den Begriff Halluzination erklärt, wird die Studentin verstanden haben, dass sie den Antrag nicht einzureichen braucht. Ebenso verhält es sich mit den vielen Texten, die Studierende sich von der KI erstellen lassen. Die Verwendung von Gemeinplätzen, falschen Einschätzungen, fehlende oder falsche Literaturangaben müssten ihre Dozierenden misstrauisch machen.

Es ist klar, dass ChatGPT von Imagination, Emotionen und Faktenwissen nichts sagen will und hingegen die große Menge seiner Informationen hervorhebt und dabei den Unterschied zwischen Informationen und Wissen geflissentlich übergeht. Aber in der Zusammenfassung erscheinen dann doch plötzlich „komplexe kreative Aufgaben, emotionale Intelligenz, soziale Interaktionen“. Dozierende werden merken, dass die Zusammenfassung etwas nennt, was in der Herleitung der Argumente nicht genannt wird. Also das wird bitte noch einmal überarbeitet:

Prompt: „Wieso ist ChatgGPT dem menschlichen Gehirn so weit überlegen?“

ChatGPT: „Die Überlegenheit von ChatGPT gegenüber dem menschlichen Gehirn ist ein komplexes Thema und kann nicht einfach auf eine einzige Erklärung reduziert werden. Hier sind einige Gründe, warum ChatGPT in bestimmten Bereichen als überlegen angesehen werden kann:

Speicher- und Verarbeitungskapazität: ChatGPT verfügt über eine enorme Speicher- und Verarbeitungskapazität, die es ihm ermöglicht, große Mengen an Informationen zu verarbeiten und auf sie zuzugreifen. Im Gegensatz dazu hat das menschliche Gehirn zwar eine beeindruckende Verarbeitungsgeschwindigkeit, aber es hat begrenztere Speicherfähigkeiten und kann nicht auf die riesigen Datenmengen zugreifen, die ChatGPT kann.

Zugriff auf Informationen: ChatGPT kann auf eine breite Palette von Informationen zugreifen, die im Internet verfügbar sind, sowie auf das Wissen, das ihm während seines Trainings vermittelt wurde. Das menschliche Gehirn hat zwar die Fähigkeit, neues Wissen zu erlernen und zu speichern, aber es ist begrenzt durch die Zeit und die begrenzten Erfahrungen eines einzelnen Menschen.

Konsistenz und Präzision: ChatGPT kann Aufgaben mit hoher Konsistenz und Präzision ausführen, ohne von Müdigkeit oder anderen menschlichen Einschränkungen beeinträchtigt zu werden. Menschen können dazu neigen, Fehler zu machen oder ungenau zu sein, insbesondere bei langwierigen oder wiederholten Aufgaben.
Anpassungsfähigkeit und Lernfähigkeit: ChatGPT kann kontinuierlich aus neuen Daten und Erfahrungen lernen und seine Leistung verbessern, während das menschliche Gehirn möglicherweise nicht so schnell lernen kann oder möglicherweise in bestimmten Bereichen weniger anpassungsfähig ist.

Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass das menschliche Gehirn weiterhin in vielen Bereichen überlegen ist, insbesondere in Bezug auf komplexe kreative Aufgaben, emotionale Intelligenz, soziale Interaktionen und viele andere Aspekte des menschlichen Lebens. ChatGPT und ähnliche KI-Systeme sind leistungsfähige Werkzeuge, aber sie sind nicht in der Lage, die Fülle der Fähigkeiten und Eigenschaften des menschlichen Gehirns zu replizieren.“

Mit diesem Band erläutert Michael Wildenhain die historische Dimension um die KI, die in der aktuellen Diskussion kaum zur Sprache kommt. Auf diese Weise eröffnet er auch die Perspektive auf den Unterschied zwischen einer „schwachen KI“ und einer „starken KI“, deren jeweilige Vertreter sehr wohl um ihre Defizite wissen. Trotz aller Aufbruchstimmung gibt es immer noch zu viele ungelöste Probleme. Wieso bedienen sich die Hersteller dieser KI-Programme so ungestört an Inhalten aller Art? Natürlich wissen die Autorinnen und Autoren aller Webinhalte, dass, was einmal dem Web anvertraut wurde, als verloren gilt und zudem versuchen die Anbieter von KI mit immer neuen Bezahlmodellen aus ihren Angeboten Profit zu erhalten. Kein Wunder, dass jede Einmischung, die an den Leistungen der „KI“ zweifelt, nicht willkommen ist. Aber es bleibt dabei, nicht die Halluzinationen und Fehler der KI sind ihr größtes Manko, es ist die von Wildenhain angeführte „Abstumpfung der Menschheit, die sich durch den zunehmenden Rückzug aus der Wirklichkeit“ (S. 73) äußert, die das eigentliche Problem darstellt.

Michael Wildenhain
Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz
Stuttgart: Cotta 2024
ISBN: 978-3-7681-9824-0

Michel Rybalka (1933-2026)

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Rezension: Rainer Mühlhoff, Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

Es kann doch gar nicht ausbleiben, dass das permanente Befragen von ChatTGPT zu allen Lebenslagen, das blinde Vertrauen, den Ergebnissen und Meinungen der KI meist völlig ungeprüft zu folgen, Konsequenzen für das soziale und vor allem politische Zusammenleben haben wird. Mühlhoff überrascht nicht, wenn er die Tendenzen der Alt-Right-Bewegungen mit den Heilsversprechen der KI in Verbindung bringt und daraus die Tendenz und die Gefahr von faschistoiden Entwicklungen ableitet. Die KI soll ja wohl intelligent sein und ihre Halluzinationen werden als Kinderkrankheiten abgetan, die nächste Version werde viel besser werden, bekommen die Kritiker zu hören. Die Anhänger der KI gewöhnen sich daran oder übersehen geflissentlich, dass die KI ihre Ergebnisse statistisch ermittelt und überhaupt nicht wissenschaftlich begründen kann, geschweige denn etwas mit dem Begriff „Wahrheit“ anfangen kann. Man sagt dann, sie lerne dazu und meint, sie vergrößere den Umfang ihrer Trainingsdaten.

Das von vielen so grenzenlos gewährte Vertrauen in die Resultate der sogenannten künstlichen Intelligenz hat Rainer Mühlhoff in einem Band der Reclam-Reihe „Was bedeutet das alles?“ unter dem Titel Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus untersucht. Seine These : „…dass das faschistoide Potential von Alt-Right-Politik aus ihrer Synergie mit elitistischen Tech-Ieologien erwächst.“ (S. 11) „Alt-Right“ (Alternative Right) steht für eine politische Bewegung, die ungefähr ab 2010 in den USA entstand. Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit die Kritik am Multikulturalismus sind ihre Kennzeichen.

Mühlhoff erinnert an Elon Musk und seine Behörde „Department of Governement Efficiency“ DODGE und den Einsatz der KI, um die Aktivitäten der Bundesbehörden zu evaluieren. Jegliche  Hinweise wie Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion mussten getilgt werden. Das Pentagon löschte Zehntausende Fotos, die Frauen oder People of Colour im Militärdienst zeigten. Dieser neue Faschismus entspreche nicht exakt dem von Benito Mussolini, aber die Kräfte, die ihn antreiben, sollten früh erkannt werden. (Vgl. S. 9 f.) Mühlhoff fasst die Kennzeichen dieser Gefahren präzise zusammen: „1. Antidemokratisches Wirken“ besonders in der „zynischen und nihilistischen Variante, die Trump vertritt“, „2. Gewaltbereitschaft“ auch mit Worten und „breite Massen mit zynische[n] Narrativen zu täuschen, Ressentiments anzustacheln“, „3. Technologie als Machtinstrument“ gepaart mit einem „Solutionismus“ der sich im Glauben an die Überlegenheit von Technologie [zeigt], um gesellschaftliche Probleme zu lösen“. (S. 14, S. auch S. 114 ff. und bes. S. 118 ff)

Es folgt im ersten Kapitel eine sehr lesenswerte und präzise Einführung in die Geschichte der Künstlichen Intelligenz, die man kennen sollte, um den Stand und die Perspektiven der heutigen KI einschätzen zu können. In diesem Zusammenhang unterscheidet Mühlhoff die auf festen Regeln beruhende symbolische und subsymbolische KI oder Konnektionismus, die mit künstlichen neuronalen Netzen arbeitet, denen es gelingt Muster aufzufinden und so Aufgaben zu lösen. Wirklich Neues kann auch diese KI nicht herstellen, in einenm gewisse Sinne,arbeitet auch diese KI mit „Wortnachbarwahrscheinlichkeiten„. Die Macht der KI, so Mühlhoff“ ruht auf den beeindruckenden Datenmengen, die sie kennt… und was ruht in den Bibliotheken und Archiven? > Sartre und Dürer.

Nicht nur soziale Netzwerke auch die KI jeder Art, die sich natürlich auch aus den Daten der sozialen Netzwerke speist, kann ein perfektes Überwachungsinstrument werden, wie die Nazis es schon mit IBM-Lochkarten aufgebaut haben. Lehnen politische Gruppierungen staatliche Regelungen für die KI ab, sollte man hellhörig werden und auf autoritäre oder gar faschistische Anzeichen achten.

Mühlhoff widmet das 2. Kapitel der „Präemption“, das ist die Vorwegnahme und beschreibt , wie in einem Arbeitsamt Einzelfallentscheidungen nach bewährter Art und globale Entscheidungen mit der KI getroffen, wo bei falsche Entscheidungen in Kauf genommen werden. Mit anderen Worten, es geht um die „pobalistische(…) Wissenskultur (S. 48 ff.).

Der „KI-Hype im öffentlichen Diskurs“ (S. 50 ff) führt einige Belege an, mit denen das unerschütterliche Vertrauen in die Zukunft der KI belegt werden soll: „Artificial General Intelligence“ AGI heißt das Versprechen, mit dem die Investitionen in die KI aufgestockt werden sollen.

Das 4. Kapitel lässt die „Ideologien hinter dem KI-Hype“ Revue passieren. der „Transhumanismus“, die Verbesserbarkeit des Menschen durch technische Lösungen ist eine von ihnen, wozu auch der Extropinarismus und der Singularitarianismus gehören. Wenn es um Erbkrankheiten geht wird die Eugenik 2.0 genannt, die aber ihre zweifelhaften Ursprünge nicht verbergen kann. Es gibt auch den „Effektiven Altruismus“. der die Einführung von „erkenntnistheoretischen Prinzipien der Rationalisten auf moralisches handeln beschreibt“ (S. 84)

H. Wittmann, Lesebericht:

Antonio Scurati
> Faschismus und Populismus
Stuttgart: Klett-Cotta 2024

Gefahren gehen von drei weiteren Bewegungen aus wie der „Cyberliberatirismus“, „Troll– und Manisphère-Subkulturen“, in denen u.a. rassistische Ressentiments vermittelt werden und auch Dark Enlightenment, das der Autor „als faschistoide Radikalisierung technopolitischer Ideologien“ (S. 95 f.) deutet.

Im letzten Kapitel wiederholt Mühlhoff seine These: „Unsere rechtsstaatlichen Demokratien sind speziell durch das Zusammenspiel vom Tech-Ideologien und ultrarechten Kräften in Gefahr.“ (S. 115) Mühlhoffs Vorwurf wiegt schwer und ist dennoch passend. Die neue und alternative Rechte von der AfD bis Trump halten keine Position innerhalb des demokratischen politischen Spektrums, das von „links“ nach „rechts“ verläuft“ (S. 141) Der Autor wirft ihnen vor, auf einer völlig anderen Ebene zu operieren… schon aus diesem Grund ist eine Zusammenarbeit mit ihnen kaum möglich, weil sie nicht nur moralisch auch politisch zum Scheitern verurteilt sei. Den Vorschlag Mühlhoffs, über KI-Technologie und die Digitalisierung anders zu sprechen, also nicht verbunden mit dem ständigen Heilsversprechen, sollte man erst nehmen. Es geht dabei um die Versprechungen der KI, die auf „Eugenik, Rassismus, Hierarchisierungen von Menschen“ beruhen. Die so gelobten Zukunftsaussichten der KI verlangten „Deregulierung und großzügige Finanzierung“ (S. 145). Die heutigen Auswirkungen der KI fasst der Autor so zusammen: „soziale Ungleichheit, Manipulierbarkeit, Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, Erosion der Privatsphäre, Erosion der demokratischen Öffentlichkeiten, massive Akkumulation von Macht und Kapital bei wenigen Akteuren“ (S. 146) und er setzt sich für eine Verstärkung der staatlichen Regulierung der KI ein.

> www.rainermuehlhoff.de

Rainer Mühlhoff,
Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus
Ditzingen: Reclam 9/2025

Vendredi 19 juin, samedi 20 juin 2026 : Colloque du Groupe d’Études sartriennnes en Sorbonne

Le prochain colloque du Groupe d’études sartriennes GES, qui se tiendra les 19 et 20 juin 2026 à la Sorbonne, dans l’amphithéâtre Bachelard. Le colloque portera sur les Réflexions sur la question juive et sur le thème „Matière, matérialismes et matérialité“.

Pour télécharger: GES_PROGRAMME-26L’affiche du colloque 2026

GES_PROGRAMME-26
L’entrée dans les locaux de la Sorbonne étant soumise à des contrôles de sécurité, il est impératif de vous inscrire avant le 16 juin 16h, en cliquant sur le lien ci-dessous, si vous ne détenez aucune carte professionnelle ou carte d’étudiant qui vous garantit l’accès au site :

https://evento.univ-paris1.fr/survey/colloque-sartre-amphitheatre-bachelard-hcy21pax

Colloque du Groupe d'Études sartriennnes en Sorbonne - vendredi 19 juin, samedi 20 juin 2026

Auf unserem Frankreich-Blog: Lesebericht: Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage

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